Das berüchtigte „Hornberger Schießen“ hat einen neuen Namen: Dieselgipfel in Berlin. Eine unfassbare Agenda eines Treffens von uneinsichtigen Vorsitzenden der Automobilindustrie, einer bemühten Umweltministerin und einem naiven Verkehrsminister, der eigentlich auf der Lohnliste der großen Fahrzeughersteller stehen sollte. Wo waren eigentlich bei diesem Stammtischtreffen die Abgeordneten in den relevanten Parlamentsausschüssen? Die Erwartungen an eine ehemals seriöse Industriebranche haben einen Dämpfer erhalten. Der privaten und der gewerblichen Verkehrswirtschaft wurde ein Bärendienst geleistet. Das verschwindende Vertrauen in eine verantwortungsvolle Politik und die enttäuschten Erwartungen werden lange nachwirken.

Was also tun? Die Verkehrswirtschaft ist wieder einmal auf sich selbst und ihre Anpassungsfähigkeit an zu erwartende Einschränkungen angewiesen. Seit Jahren ist die Entwicklung zwar absehbar. Aber die Branche der Speditionen, der Transportunternehmen und der Personenbeförderer im öffentlichen oder privaten Auftrag hat sich auf die Hilfe der Politik und den Beitrag der Fahrzeugindustrie zur Lösung des Abgasdesasters verlassen. Die politischen Instanzen aber haben keinen Masterplan und mit halbherzigen Almosen aus dem Topf der Steuergelder wird man den Hauptproblemen des Verkehrs nicht Herr werden. Eine nur beschränkt an das Verkehrswachstum anpassbare Infrastruktur und die nicht bewältigte Umweltbelastung mit Feinstaub, CO² und Stickoxiden bleiben ungelöst. Angesichts der strategischen Fehlentscheidung der deutschen Fahrzeugindustrie, das vorhandene Investitionsvolumen nicht einer umweltfreundlicheren Antriebstechnik sondern der Softwareentwicklung von Assistenzsystemen und Systemen des automatisierten Fahrens zu widmen, wird das Frisieren von Softwarepaketen vorläufig der einzige Beitrag zu einer nachhaltigen Mobilität bleiben.

Und trotz der gegenteiligen Beteuerung des deutschen Verkehrsministeriums werden Kommunen Fahrverbote erlassen müssen.

Für private und gewerbliche Verkehrsteilnehmer stellen sich zwei Fragen. Zum einem die Frage nach dem zu wählenden Fahrzeug und die Organisation des zu planenden Verkehrswegs. Die Entscheidung für das zu wählende Fahrzeug, die insbesondere beim Neukauf eines Fahrzeugs ansteht, wird von dem Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Versprechungen der Industrie bezüglich ihrer Künste in die Softwareentwicklung zur Beseitigung der Umweltschädlichkeit des Dieselantriebs geprägt werden. Natürlich auch hinsichtlich der von den Kommunen zu erwartenden Maßnahmen der Befahrung der Innenstädte. Diese Entscheidung kann keinem privaten und gewerblichen Verkehrsteilnehmer abgenommen werden. Aber von diesen Entscheidungen wird es abhängen, ob sich die Automobilindustrie in naher Zukunft ernsthaft einer umweltfreundlicheren Antriebstechnik widmen wird.

Bekanntlich bedarf es erst einer Katastrophe, wie etwa einer Finanzkrise nach dem Zusammenbruch eines Bankensystems oder eines Tsunami in einem japanischen Atomkraftwerk, um einem tiefgreifenden Wandel eine Chance einzuräumen. Für die Automobilindustrie wäre nur ein dramatischer Umsatzeinbruch Anlass für einen Strategiewandel. Ob unterstützt durch Fahrverbote der Kommunen für Fahrzeuge mit Dieselantrieb und einer daraus resultierenden Zurückhaltung privater und auch gewerblicher Käufer sich Anstöße für ein Umdenken der Industrie entwickeln werden, wird die nahe Zukunft zeigen. Jedenfalls zeigt die hektische Lobbytätigkeit bei den Ministerien, dass genau dies von den deutschen Fahrzeugherstellern befürchtet wird.

Wir haben bereits seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Branche der Logistikdienstleister mit einer Reorganisation ihrer Transportstrukturen einen Hebel besitzt, drohenden Fahrverboten wirksam auszuweichen. Mit einer Partitionierung des Transportnetzes und maximaler Nutzung elektrisch betriebener Verkehrsmittel würde größerer Druck auf die Fahrzeugindustrie ausgeübt als es eine um ihre Wiederwahl fürchtende Politik vermöchte. Denn offenbar ist Politikern auch nicht bewusst, dass die Vielzahl der Zulieferer der Automobilindustrie nicht auf der Antriebstechnik basiert, sondern auf Ausstattung, Elektronik, Fahrwerk, Reifen, etc.

Die unverhüllte Drohung mit dem Verlust von Arbeitsplätzen sollte daher nicht überbewertet werden. Umsatzverluste werden vor allem Fahrzeugindustrie und der Fahrzeughandel zu befürchten haben.

Prof. Dr. habil. Claus C. Berg, Rohr i. NB