Was vor Jahrzehnten mit der Verarbeitung und Speicherung von Texten in rechnergestützten Systemen begann, hat in den letzten 25 Jahren als Digitalisierung von Bildern, Filmen, Audiodaten und dem Einsatz in der Kommunikations- und Informationstechnik einen technologischen Fortschritt in Gang gesetzt, dessen Auswirkungen erst langsam als tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen wahrgenommen werden. Wir erkennen bisher unbekannte Formen der Informationsvermittlung in den sozialen Medien, neuartige Verhaltensmuster in den zwischenmenschlichen Beziehungen und erschreckende Möglichkeiten der politischen Meinungsmanipulation.  Noch gravierender erscheint uns aber die mit der Digitalisierung von Prozessen, Objekten und Ereignissen einhergehende, schleichende Korrosion von Entscheidungsmöglichkeiten und damit zunehmenden Entäußerung verantwortlichen menschlichen Handelns in vielen sozialen Umfeldern.

Ein aktuelles Beispiel ist die von der Automobilindustrie beworbene Entwicklung des automatisierten Fahrens, die schließlich auch von den mangelnden Erfolgen in der Erreichung nachhaltiger Antriebstechnik ablenken soll. Die Marketingkonzepte der Automobilindustrie suggerieren die Notwendigkeit einer digitalen Vernetzung des Automobils, die das Autofahren sicherer und bequemer machen soll. Der aus technologischer Sicht sicherlich begrüßenswerte Fortschritt der Automobilität kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine kritische Linie überschritten wird, wenn die Verantwortung des Fahrzeuglenkers  von Einrichtungen der Hardware und der implementierten Software automatisierter Fahrzeuge teilweise übernommen wird.

Mit dieser Frage hat sich auch eine Ethikkommission befasst und bezüglich möglicher Haftungsfragen bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen die rechtlichen Aspekte eingehend erwogen. Sie stellte fest, dass bei  automatisiertem Fahren etwa bei Fehlinterpretationen von Verkehrssituationen durch die  hardwaremäßige Ausstattung (Sensoren, Kamerafotos, Software, etc) eines autonomen Fahrzeugs die Haftung dem Fahrzeughersteller angelastet werden kann. Anders ausgedrückt: Dem Fahrzeugführer wird ein erheblicher Teil der Entscheidungsfreiheit und der Verantwortung abgenommen. Das mag im Einzelfall rechtlich vertretbar sein, entlarvt aber den Anspruch dieser technologischen Entwicklung, menschliche Interpretationsfähigkeit und Entscheidungsfreiheit im Normalfall durch künstliche Intelligenz ersetzen zu können.

Wir bezweifeln nicht, dass der Technologieschub selbstlernender Softwaresysteme wirtschaftlich zu erheblichen Effizienzsteigerungen beiträgt. Die damit bewirkte Aufgaben- und Verantwortungsverlagerung vom Menschen auf den Automaten und daraus resultierende Anforderungen an die Arbeits- und Bildungskonzepte der Zukunft sind aber keineswegs auch nur in Anfängen analysiert und thematisiert worden. Noch drastischer als die Entwicklungen im privaten Bereich wird die Digitalisierung die Betriebsabläufe der Unternehmen verändern. Nicht mehr eine Mensch-Maschine-Kommunikation steht in Zukunft im Vordergrund der wissenschaftlichen und praktischen Forschung, auch nicht mehr eine Mensch-Maschine-Interaktion von Mensch und Robotern sondern die Mensch-Maschine-Kooperation.

Es ist längst erkannt, dass sich die Zukunft der Arbeitswelt wie der privaten Lebensbereiche durch die Digitalisierung in allen Lebensbereichen verändern wird. Der Bedarf an hochqualifizierte Ausbildung wie auch die Notwendigkeit flexibler Berufs- und Lebensgestaltung wird drastisch zunehmen. Daran bestehen derzeit keine Zweifel. Wenig analysiert sind aber die Auswirkungen der Verlagerungen verantwortlichen Handelns auf automatisierte Systeme und die damit verbundene Einschränkung menschlicher Entscheidungsfreiheit für die psychosoziale Entwicklung des Menschen selbst.

Wenn Automobile im Verkehr von Fahrzeugführern, denen diese Eigenschaft nur noch eingeschränkt attestiert werden kann, gesteuert werden und Mitarbeiter in Unternehmen mit Robotern kommunizieren müssen, welche die verbleibenden Handlungsspielräume vorgeben, bedarf diese Kommunikation auch des Vertrauens in die Fähigkeiten und Integrität des jeweiligen maschinellen Systempartners. Schon diese Formulierung lässt erahnen, dass hier ein bisher nur in Ansätzen erkanntes Problem entstanden ist, was auch von den zunehmenden Berichten über erfolglose Abwehrbemühungen um die Abwehr unzulässiger Eingriffe von außen bestätigt wird. Welche Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung davon zu erwarten sind, ist noch nicht absehbar. Es muss daher darauf hingewiesen werden, dass es noch eines erheblichen Forschungsaufwands zur Analyse der psychosozialen Auswirkungen einer Mensch-Maschine-Partnerschaft bedarf.

Univ.-Prof. Dr. habil. Claus C. Berg, Rohr i. NB