Technischer Fortschritt und realistische Erwartungen

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Technologische Innovationen sind ein wesentlicher Wachstumsmotor. Ohne technischen Fortschritt sind Produktivitätssteigerungen kaum realisierbar. Das Wissen um segensreiche Erfindungen führt in der Wirtschaft nicht nur zu Investitionen in Forschung und Entwicklung. Häufig verleitet es auch zu Versprechungen, eine Lösung für fast alle Probleme, mit denen die Gesellschaft tagtäglich zu kämpfen hat, parat zu haben. Technischer Fortschritt wird in der Wirtschaft daher gerne in Marketingkonzepten argumentativ eingesetzt, wobei die Grenze zwischen bloßen Nutzenversprechungen und bewusstem Betrug zuweilen überschritten wird. Betrogen werden aber nicht nur unkritische Konsumenten sondern auch leichtgläubige Kapitalgeber.

Die Fahrzeugindustrie hat in der jüngsten Vergangenheit mit ihren auf technischem Fortschritt basierenden Nutzenversprechungen unrühmliche Beispiele geliefert. Technische Daten von Abgaswerten wurden beschönigend in einer Weise dargestellt, die von ungeschulten Nutzern nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden konnten. Ähnlich unseriös war die Situation bei der Angabe von Verbrauchswerten, wobei allerdings kaum jemand den Angaben in den Prospekten  geglaubt hatte. Hat man sich jemals die Frage gestellt, welche Auswirkungen auf die Absatzzahlen realistische Verbrauchsangaben gehabt hätten? Kaum glauben Industrie und Handel,  die Vertrauenskrise bewältigt zu haben, lassen sich  die verantwortlichen Strategen auf ein neues Abenteuer ein. Statt sich voll auf die Entwicklung elektromobiler Antriebe zu konzentrieren, wirbt man mit dem autonomen Fahrzeug als Krönung der Automobilentwicklung. Vielleicht denken kritische Käufer einmal darüber nach, dass Autonomie des Fahrzeugs nur bedeutet, dass statt des Fahrers eine Software und eine Sensorenausstattung das Fahrzeug konform zu den Regeln der Straßenverkehrsordnung steuern. Jetzt fehlen nur noch die Versprechungen in den Prospekten, dass auch unvorhersehbare Situationen autonom bewältigt würden und die steuernde  Software immun gegen Hackerangriffe sei, die das Fahrzeug an den nächsten Alleebaum steuern könnten. Abgesehen davon wird mit autonomen Fahrzeugen weder die Umweltbelastung verringert noch wird die beschränkt zur Verfügung stehende Verkehrsinfrastruktur erweitert.

Dennoch können in den Bemühungen um autonome Fahrzeugsteuerung auch positive Aspekte gesehen werden. Man denke nur an mögliche Beiträge zur Verkehrssicherheit. Als Beispiele seien die in Kolonne fahrenden Lastzüge auf den Autobahnen genannt. Hier würde man sich statt übermüdeter Fernfahrer oft ein ausgeschlafenes Softwarepaket der Fahrzeugsteuerung wünschen. Die Beurteilung technischer Entwicklungen sollte daher prinzipiell nicht unabhängig von ihrem realistisch zu erwartenden Nutzen erfolgen. Technische Entwicklungen zur Fahrzeugsteuerung sind als  komfortable Assistenzsysteme wünschenswert. Aber sie sollten nicht für unredliche Marketingkonzepte missbraucht werden.

Der Missbrauch technischer Entwicklungen ist wesentlich verbreiterter als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. Das gilt gerade auch im Falle der Digitalisierung aller wirtschaftlichen Prozesse. Für Produktmanager war es ein willkommener Anlass, das überall verfügbare Internet für die Vermarktung ihrer Produkte nutzen zu können. Die visuell unterstützten, anschaulichen Beschreibungen eines an Varianten reichen Angebots führen den Kunden zu einem ganz neuen Kaufverhalten. Der Kunde will die Ware auch zu Hause wie in einem Verkaufsraum in Augenschein nehmen können, um das Produkt zurück zu geben oder in Besitz zu nehmen. Das erwartete Lieferverhalten wird zwar bei einer Pizzabestellung anders sein als beim Kauf von Schuhen, Damenkleidung, Haushaltsgeräten oder gar Kücheneinrichtungen. Aber die schnelle und zuverlässige Lieferung, ob in „24 –Stunden“, „next day“, „same day“ oder „same hour“ stellt Handel und Dienstleistungsunternehmen angesichts der Verkehrssituation in den Ballungsräumen auch vor neue logistische Anforderungen. Aber statt die mit den neuen Belieferungsformen verbundenen Verkehrsprobleme in den Ballungsräumen mit organisatorischer Umgestaltung der Prozessabläufe zu lösen, wird das Heil im technischen Fortschritt gesucht.

So wird von Branchenführern nach letztem Entwicklungsstand der Einsatz von Drohnen prognostiziert.  Erste Tests wurden gestartet. Danach sollen Drohnen die Warenbestellungen beispielsweise auch von Luftschiffen als stadtnahe Lager aus zu Umschlagpunkten und zum Kunden befördern. Dieser Lösungsvorschlag zur Bewältigung der Verkehrsprobleme klingt zunächst interessant. Er ist technisch machbar und verursacht geringeren Aufwand als der Neubau eines Lagerhauses in der Innenstadt. Aber ist eine solche Lösung auch wünschenswert? Die Warenbeförderung mit Drohnen ist in schwer zugänglichen Regionen und in kritischen Situationen durchaus zu befürworten. Aber die Auslieferung von Kundenbestellungen per Drohnen in Innenstädten dürfte nur in Technikforen Begeisterungsstürme auslösen. Schließlich kann der Drohneneinsatz auch als eine neue Art der Luftverschmutzung gesehen werden, die eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität der Stadtbewohner zur Folge haben wird.

Der Entwicklung technischer Problemlösungen können keine Grenzen gesetzt werden, wenn die Chancen auch disruptiver Neuerungen nicht verhindert werden sollen. Ihre Umsetzung in der Praxis bedarf jedoch eines klugen Abwägens der erwarteten Nutzen und der möglichen Risiken. Der Erfolg weniger Innovationen sollte nicht über die Vielzahl wirtschaftlicher und gesellschaftlicher  Misserfolge hinwegtäuschen.

Prof. Dr. habil. Claus C. Berg

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