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Der technische Fortschritt ist einer der wichtigen Garanten wirtschaftlichen Wachstums. Technischer Fortschritt bedarf der Forschung und Entwicklung. Wer oder was aber stößt Forschungsaktivitäten an? Sicherlich ist es der Wettbewerb der Unternehmen um die Erfüllung von Kundenwünschen nach verbesserten Produkten und Verfahren, die zu exzellenten Weiterentwicklungen beigetragen haben. Mit dieser Argumentation ließen sich aber disruptive Innovationen, die den technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte entscheidend beeinflussten, jedoch nicht erklären. Für diese Innovationen hatte der Markt keinen Anlass geboten. Im Gegenteil, diese Innovationen mussten sich ihren Markt erst suchen.  Zuweilen benötigt eine technische Neuentwicklung Jahrzehnte, bis sie tradierte Strukturen ersetzt. In anderen Fällen erobert sie mit einer Geschwindigkeit den Markt, der Unternehmen, die nicht früh genug den sich anbahnenden Wandel erkennen, zur Aufgabe des Geschäftsfelds zwingen. Die Praxis kennt eine Vielzahl von Beispielen, in denen Marktführer in kürzester Zeit die Gunst der Konsumenten verloren haben. Die Technik des Touchscreens bei Smartphones, der 3D-Druck von Ersatzteilen, die cyberphysische Steuerung von Produktionsprozessen sind nur einige Beispiele der letzten Jahre, die Märkte erobert haben, obwohl seitens der Nachfrage zunächst keine Bedürfnisse erkennbar waren. 

Wir können nicht leugnen, dass revolutionäre technische Fortschritte auch erhebliche Nachteile für traditionelle betriebliche Strukturen mit sich bringen  Zur Gewohnheit  gewonnene Abläufe und gesichert geglaubte Positionen verlieren ihre Berechtigung. Existenzielle Fragen können keine befriedigenden Antworten erhoffen. Besitzstände werden zur Disposition gestellt. Widerstände formieren sich auf allen Ebenen der unternehmerischen Organisation. Dysfunktionalitäten der sich wandelnden Organisation gefährden den Unternehmenserfolg. Unternehmen, die sich den Anforderungen eines oft überraschend schnellen technischen Fortschritts zu stellen wagen, bedürfen eines weitsichtigen, offenen und risikobereiten Managements sowie einer Organisationsstruktur, die kreativen Entwicklungen eine Arena bietet. 

Es war lange Zeit naheliegend, Kreativität fördernde Organisationsstrukturen, wie etwa die der Matrixorganisation, zu institutionalisieren. Kurzfristigen Erfolgen folgte jedoch regelmäßig eine Ernüchterung. Es zeigte sich, dass eine Abschottung von Aufgabenbereichen innerhalb der Unternehmung nicht verhindert werden konnte und gerade jene Impulse außer Kraft gesetzt wurden, die zu einer Öffnung für neue Ideen Anlass gegeben hätten. 

Unternehmen, die langfristig einem technischen Fortschritt die Tür öffnen möchten, müssen bereit sein, sich stetigen Impulsen für eine Infragestellung tradierter Strukturen und Ziele auszusetzen. Sie müssen sich Einflüssen von außen öffnen. Aber nicht mit der Vergabe von Forschungsaufträgen, die vorgegebenen Zielen des Unternehmens folgen.  Die Unternehmung muss vielmehr bereit sein, beispielsweise kreativen Außenseitern aus der Wissenschaft eine Rolle in der strategischen Unternehmensführung anzudienen. Die Gestaltung eines solchen Rollentauschs ist für Unternehmen ein durchaus überschaubares Experiment. Den schwierigeren Part dürfte hierbei die Wissenschaft einnehmen  Hat sich doch der universitäre Elfenbeinturm der Wissenschaft als Heimstatt für Karriere bewusste Anwärter auf staatlich finanzierte und geförderte Hochschulstellen bewährt. Die Gewinnung hoch qualifizierter Wissenschaftler für einen temporären Rollentausch ist in der gegebenen Lage nur mit Unterstützung der Politik möglich. So müsste auch ein den gewohnten Forschungsfreiraum überschreitendes Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb von Hochschulen mit Wiedereingliederungsgarantie ausgestattet werden. Die immer wieder geforderte Öffnung der Wissenschaft ist schließlich nicht mit einem Plus an Veröffentlichungen zu realisieren. Open Science mit einem Rollentausch der geschilderten Art hieße Verantwortung zu übernehmen und wäre auch ein Reputationsgewinn für die  traditionell sehr verschlossene Expertenkaste. 

Ein  Rollentausch von Unternehmern und Wissenschaftlern sollte aber auch dem Umstand besondere Aufmerksamkeit widmen, dass die mikroökonomische Betrachtung wirtschaftlicher Strukturen eines Wertschöpfungsmanagements einer makroökonomischen Sichtweise gegenübersteht. Beispielsweise umfasst jeder Prozess der Produktion und Vermarktung von Gütern, von der Beschaffung bis zur  Distribution, eine Vielzahl von Teilprozessen der Wertschöpfung. Die räumliche Verteilung dieser Wertschöpfung eröffnet so ein weites Problemfeld, das die gesellschaftlich relevanten Themen Verkehr, Standortwahl und Umweltbelastung umfasst. Eine ganzheitliche Betrachtung darf diese mehrdimensionale Fokussierung des Wertschöpfungsprozesses nicht ignorieren.

Das Modell des Rollentauschs  hat Vorläufer in einigen großen Unternehmen. Auf breiter Ebene wurde das aber nicht praktiziert. Als Gedankenexperiment sei gestattet zu fragen, ob die strategischen Fehlleistungen des Managements der Automobilindustrie der letzten Jahrzehnte mit dem skizzierten Modell hätten vermieden werden können. Angesichts der Bedeutung des technischen Fortschritts für das wirtschaftliche Wachstum einer Gesellschaft sei Unternehmen und Wissenschaftlern  empfohlen, das Thema Rollentausch als Innovationen förderndes Konzept vorurteilsfrei zu diskutieren.

 Prof. Dr. habil. Claus C. Berg