Forschungsfelder der Logistik

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Forschungsfelder der Logistik kann man nicht beschreiben ohne ihren  organisatorischen Aufgabenbereich in Unternehmen der Wirtschaft und Verwaltung zu definieren. Als sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts Wissenschaft und Praxis für das Themenfeld Logistik zu interessieren begannen, waren es zunächst Verkehrsbetriebswirtschaften wie Speditionen und Transportunternehmen, die das Forschungsfeld „Logistik“ erkannten und in die Beschreibung ihres Geschäftsfelds integrierten. Noch heute vermutet man in den Medien unter einem Logistiker einen Fachmann für das operative Management von Transport und Lagerhaltung. Da half es zunächst wenig, dass sich Wissenschaftler bemühten, die Aufgabe der Logistik als die Sicherstellung der räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit von Gütern zu definieren und auf die Querschnittsfunktion der Logistik als organisationales Strukturelement neben anderen Querschnittsfunktionen wie Finanzierung und Informationswesen hinwiesen. Die makroökonomischen Aspekte der Logistik blieben genauso außer Betracht wie ihre strategischen Aspekte des Managements  der betrieblichen Wertschöpfung.

Nachteilig für ein ganzheitliches Verständnis des Aufgabenfelds und damit für die Bestimmung von Forschungsfeldern der Logistik war insbesondere die Konzentration auf die Kosten der Wertschöpfungsprozesse in Beschaffung, Produktion und Distribution. Kaum eine Tagung kam ohne Beiträge zu den Kosten der Logistik und Empfehlungen zu ihrer Reduktion aus. Die informationale Abbildung der physischen Prozesse wurde nur als Hilfsmittel ihrer Steuerung und Planung und nicht als integraler Bestandteil der Wertschöpfung aufgefasst. Dabei hatte die paradigmatische Kraft der Losgrößenformel, die die Bedeutung von Lagerhaltung und Rüstzeiten in Fertigungsprozessen herausgearbeitet hatte, einer ganzheitlichen Betrachtung der cyberphysischen Prozesssteuerung nahegelegt.  

In dem letzten Jahrzehnt hat sich die Erkenntnis gefestigt, dass eine ganzheitliche Erfassung der Aufgaben der Logistik und der Bestimmung von Problemlösungen den Bezugsrahmen des Managements einer vernetzten wirtschaftlichen Wertschöpfung erfordert. Die vernetzte Wertschöpfung umfasst dabei den gesamten Prozess der Produktion und Vermarktung von Gütern, von der Beschaffung von Rohstoffen und den verschiedenen Stufen der Materialbereitstellung über die häufig dislozierten Teilprozesse der Produktion und der Distribution bis zum Endverbraucher. Die als Merkmal des logistischen Auftrags definierte Sicherung der räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit der Güter in den verschiedenen Stufen der Wertschöpfung dient darin der wirtschaftlichen Effizienz des Prozesses. Das Management des gesamten Wertschöpfungsprozesses umfasst in diesem Bezugsrahmen sowohl strategisch/taktische wie operative Aufgaben, die als physische und informationale  Aktivitäten zu bewältigen sind.  

Es würde der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Logistik nicht gerecht werden, würde man die mikroökonomische Betrachtung wirtschaftlicher Strukturen eines Wertschöpfungsmanagements nicht mit ihren makroökonomischen Auswirkungen konfrontieren. Beispielsweise umfasst jeder Prozess der Produktion und Vermarktung von Gütern, von der Beschaffung bis zur Distribution, eine Vielzahl von Teilprozessen der Wertschöpfung. Die räumliche Verteilung dieser Wertschöpfung eröffnet ein für die logistische Forschung weites Problemfeld, das die gesellschaftlich relevanten Themen Verkehr, Standortwahl und Umweltbelastung umfasst. In diesem Sinne sind Konzepte einer urbanen Warenbelieferung mit elektromobilen Fahrzeugen zur Vermeidung der Umweltbelastung mit CO² und Stickoxiden ein aktuelles Forschungsthema der Logistik. Eine ganzheitliche Betrachtung der Logistik und ihres Forschungsbedarfs darf die mehrdimensionale Fokussierung des Wertschöpfungsprozesses nicht ignorieren.  

Der technische Fortschritt hat die Realisierung wichtiger strategischer logistischer Ziele in den letzten Jahren ermöglicht. Die betriebliche Implementierung cyberphysischer Fertigungsprozesse mit RFID – Technik und die realistische Chance zur Ersatzteilbereitstellung mit der Losgröße 1 durch den 3 D – Druck sind nur zwei Beispiele, die aber trotz erster Erfolge noch in den Anfängen stecken und weiterer Forschung bedürfen. Die Entwicklung der Exoskelette zur Unterstützung des körperlichen Arbeitseinsatzes in der Lagerhaltung und die Robotertechnik als neue Formen der Mensch-Maschine-Kommunikation werden in allen logistischen Prozessstufen erheblichen Einfluss auf die betriebliche Wertschöpfung nehmen. Das gleiche gilt für den Einsatz autonomer Fahrzeugsteuerung bei Flurförderzeugen in der Lagerhaltung und der Fertigung wie bei Lastkraftwagen in der Warendistribution. Cyberphysische Prozesse werden nicht nur in der Produktion und Distribution Forschungsbedarf wecken, sondern auch im Rahmen der vorausschauenden Wartung im After Sale Service. Eine Vielzahl weiterer Beispiele ließen sich aufzählen, die zu einer an breiten Anwendungen orientierten logistischen Forschung. Anlass geben. 

Die Bestimmung eines logistischen Forschungsbedarfs als sinnvolle Leitlinie für die Wissenschaft sollte daher immer die Integration des technischen Fortschritts in die unternehmerische Wertschöpfung im Auge behalten. Das bedeutet aber auch, sich Impulsen von progressiven Unternehmen mit disruptiven Innovationsideen, für die der Markt nicht der Impulsgeber ist, zu öffnen.  Anregungen aus der Praxis für Neuerungen, die nur die Wünsche des Marktes befriedigen sollen, sind für eine Definition künftiger Forschungsfelder der Logistik allein oft wenig hilfreich.  

Prof. Dr. habil. Claus C. Berg

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